![]() |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Artikel für die HomepageÜbersicht
Einmal Zivi Margherita, bitte.Regungslos sitze ich da, die Füße auf der untersten Strebe einer Art Werkbank übereinandergeschlagen. Mein unbequemer Stuhl, im Gegensatz zu den Sesseln neben mir lehnenlos, dient mehr als Liege- denn als Sitzmöbel. Mein starrer Blick wird nur knapp hinter meinen Füßen von einem Regal aufgefangen, dass dem Klischee eines Werkstattregals viel zu gerecht wird. Scheinbar vor Jahren einmal mit gutem Willen aufgeräumt erinnern heute nur noch einige durchsichtige Plastikkästen an die einstige Ordnung, die in den mittleren beiden Etagen Platz für Dübel, Schrauben, Nägel, Muttern und allerlei Firlefanz aus Holz, Metall und Plastik bieten, die ein Hausmeister bei der täglichen Arbeit braucht. Daneben türmen sich Gardinenringe, kleine Spezialglühbirnen, Flickzeug für Rollstühle, Arbeitshandschuhe, Türklinken, Aschenbecher und mehr oder weniger wichtige Akten und buhlen um die Gunst des Oberen. Unter dem Regal stehen Kabeltrommeln und Wasserkästen, während sich obenauf Gummidichtungen für Türrahmen mit Haltestangen für Badezimmer paaren, die so gedankenlos labil übereinander gestapelt wurden, dass eine von ihnen fast schon einmal meinen Kollegen erschlagen hätte. Über einen erhöhten Pfosten rechts am Regal sind unzählige Stromkabel gewunden, deren senkrechtes Herabhängen ein einheitliches Bild mit den dahinter stehenden, seitlich an das Regal gelehnten Besen, Rohren und Stäben ergibt. Im Vordergrund streift mein Blick eine halb leere Wasserflasche, die auf der kleinen Werkbank steht und die ich nicht vor habe auszutrinken, da das Wasser schon Tage alt ist, Tage, die ich stets zu beschäftigt oder zu faul war, die Flasche zurück in den Kasten unter dem Regal zu stellen. Das alles sehe ich, und doch sehe ich Nichts. Tick Tack. Die Uhr, die über dem Schreibtisch links neben mir hängt, schreit ihr endloses Ticken in die scheinbar immerfortwährende Stille hinein. Tick Tack, Tick Tack. Lauthals übertönt der stählerne Sekundenrhythmus alles da gewesene und alles, was sein wird. Scharf wie eine Rasierklinge brennt es sich ein in mein Nachsinnen und wird zu einem Taktgeber meiner eigenen Existenz. Jedes Fremdgeräusch stellt eine Bedrohung dar, eine Störung des immer Gleichen. Ob es die im Flur krachend vorbeischiebenden Wagen der Putzkolonne, zwei sich unterhaltende Bewohner oder das entfernt herbeischallende Brummen einer Bohrmaschine ist, alles durchbricht das harmonische Klingen der Uhr aufs Brutalste. Tick Tack, Tick Tack. Auch durch das kleine Kellerfenster zu meiner Rechten dringen Geräusche, die viel zu ungeordnet und heterogen für diesen Raum sind: Leise Motorengeräusche von der Straße, gelegentliches Zwitschern der Vögel, ab und zu das überhebliche Piepsen eines rückwärts fahrenden Lastwagens, der sich wie eine Natter den Wirtschaftsweg des Altenheims hochschlängelt, um die großen Müllcontainer zu leeren. Dazu kommt mein eigener Atem, über den ich mich am meisten ärgere, da ich mit ihm selbst das friedliche Ticken zunichte mache. Tick Tack, Tick Tack. Das alles höre ich, und doch höre ich Nichts. Ich bin blind vor Wut, Enttäuschung, Verzweiflung, Machtlosigkeit. Wieso behandelt mich mein eigener Staat - eine Demokratie - wie einen Sklaven, verschenkt mich für eine so lange Zeit an ein Altenheim, mir nur einen Hungerlohn gewährend? Wieso hat die Realität mit dem Euphemismus "Wehrgerechtigkeit" so viel zu tun wie Ho Chi Minh mit Pommes Frites? Und ich bin taub von den inneren Stimmen, die mir stets vor Augen führen, welchen Schaden dieses Jahr mir zufügt, welche geistigen, charakterlichen, finanziellen und gesellschaftlichen Narben es an mir hinterlässt und was ich alles in diesem Jahr hätte schaffen können. Taub auch von den Stimmen meiner Freunde (untauglichen und weiblichen), die mir stets vom Studium berichten, von ihren inneren Berg- und Talfahrten, schönen und schweren Momenten, wichtigen Entscheidungen, von dem zu sich selbst finden, seinen Weg gehen, Bewegung, eben all dem, was mir in diesem schier endlosen Zustand völligen Stillstands unmöglich ist, obwohl ich so sehr danach strebe. Und ich bin taub von den ständigen Stimmen der geheuchelten Schönmalerei, die mich schlecht anlügend versuchen aufzumuntern. "Du musst das Positive aus dieser Zeit ziehen, hier lernst du Dinge, die du sonst nie machen würdest" sagen sie, und "du förderst deine soziale Kompetenz und lernst den Umgang mit alten Menschen". Zum Teufel mit den alten Menschen! Ich kann jetzt genauso gut oder schlecht mit ihnen umgehen wie vorher auch und außerdem gibt es genug (bezahlte) Pfleger, die sich um sie kümmern. Und wozu muss ich Dinge lernen, die ich sowieso nie machen werde und zu deren Beherrschung ein zweitägiger Handwerker-Crashkurs absolut ausreichend wäre? Ich habe die Schule hinter mir und will studieren! Warum lasst ihr mich denn nicht, wie die meisten anderen auch? Auch Floskeln wie "Du bist doch bald fertig" oder "Andere studieren dafür ein Jahr länger" geben mir auch nicht die lange Zeit zurück, die mir genommen wurde. Ich verharre immer noch in meiner nach außen völlig lethargisch wirkenden Liegeposition, unbeweglich und noch immer frönt die Uhr ihrem unnachahmlichen Ticken. Tick Tack, Tick Tack. Noch mehrere zehntausend Mal wird sie das tun, bis ich mich ihrem Klang entreißen und nach Hause fahren kann. Schließlich betritt mein Chef, der Hausmeister, den Raum. Eine halbe Stunde nach mir. Noch in der Tür stehend - eine Deckenlampe hinter seinem Kopf verleiht seinem Gesicht eine leuchtende Kontur, fast wie ein Heiligenschein - sieht er mich, halb sitzend, halb liegend, meinen starren Blick auf das Nichts zwischen dem Schrank und mir fixiert, bewegungslos, emotionslos. Von meiner inneren Zerrissenheit kann er nichts wissen. "Jan, du faule Sau, man merkt dir auf deine alten Tage richtig an, wie lustlos du geworden bist" sagt er, nicht böse gemeint, sondern nur als Reaktion auf einen apathisch ins Leere blickenden Zivi. Anschließend greift er sich einen Schraubenzieher von dem Rollwagen hinter mir und verlässt den Raum, die Tür hinter sich zuziehend. Seine Worte sollten nicht tiefsinnig sein, sondern nur eine Art oberflächliche Begrüßungsfloskel, ein "Hallo" unter Freunden. Aber für mich waren sie mehr als das. Als hätte der Herr selbst sie gesprochen dröhnten sie noch lange in meinen Ohren nach. Wie in einer Allegorie nahm für mich jedes einzelne Wort Gestalt an, schwebte vor mir, verbog und verformte sich unter meiner Vorstellungskraft bis sich alle Wörter wie ein Puzzle zusammensetzten und ein einheitliches Bild ergaben. "Faul" hat er gesagt. Wie ein abgefallener Apfel, vergessen von Allem, der in der Wiese liegt und fault. Seinem Schicksal entgegen. Das bin ich. "Sau" hat er gesagt. Gemästet wie eine Sau, vorne und hinten mit Spießen gehalten, unbeweglich, leblos, dreht sie sich über einem Feuer der Endgültigkeit. Das bin ich. "Deine alten Tage" hat er gesagt. Wie eine gescheiterte Existenz, die auf ihre alten Tage deprimiert bemerkt, dass sie in ihrem Leben nichts, aber auch gar nichts erreicht hat. Und jetzt ist es zu spät, um das nachzuholen. Das bin ich. "Lustlos" hat er gesagt. Ja, lustlos. Das bin ich.
Telekom Baskets vs. Alba BerlinLasst mich euch berichten von dem glorreichen Tag, an dem die Telekom Baskets Bonn gegen Alba Berlin gewannen. In der Zeitung habe ich gelesen, dass es etwas derartiges seit 10 Begegnungen der beiden Mannschaften nicht mehr gegeben hatte. Ob's stimmt? Na ja, stand im General-Anzeiger. Jedenfalls hat jeder gedacht, dass Berlin gewinnt und dementsprechend haben sich am Schluss alle prima gefreut. Aber von Anfang an:
Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich weder von Basketball noch von irgendwelchen beteiligten Mannschaften auch nur den Hauch einer Ahnung habe. Deshalb wird dies keine fachlich versierte Kritik jedes einzelnen Spielzuges, sondern eher ein Erlebnisbericht der Marke "Mein erstes Mal". Ich habe also ein paar Tage vor dem Spiel Karten für ebendieses geschenkt bekommen, da die Inhaber der Karten zum Spieltermin verreist waren. Also habe ich mir am 3. April eine Telekom-Mütze angezogen, die ich mal auf der CeBit geschenkt bekommen habe und die mir ganz nebenbei gesagt prächtig stand, und habe Segel gesetzt Richtung Hardtberghalle. Mich blind auf meine grazilen Fahrkünste verlassend kam ich auch im Zeitplan an. Als ich dann so etwa 19:30 Uhr die Halle betrat, die picke-packe-voll war, versuchte ich mich krampfhaft zu erinnern, wer mir gesagt hatte, das Spiel beginne erst um 20:00 Uhr. Die Jungs waren nämlich schon ein knappes Minütchen am spielen und es stand 4:2. Ich glaube für Bonn. Im Fußball wäre das ein stattliches Ergebnis gewesen (besonders nach einer so kurzen Zeit), aber in diesem Sport, der mir so neu war wie das Amen in der Kirche sollten noch viele weitere Tore folgen. Die Stimmung kochte. Frenetische Schreie und donnernder Applaus aus dem sich stets neue Rhythmen zu formen schienen begleiteten die Bonner. Da hatte Alba nichts zu lachen! Ohrenbetäubender Lärm aus Jubel und Applaus hallte durch das Gebäude, nachdem einer unserer Spieler gepunktet hatte, motivierendes "Defense"-Gebrüll peitschte sie in Phasen der Verteidigung an und war mehr Wert wie ein zwölfter Mann auf dem Feld. Für mich war es zunächst nicht leicht, mich an die eingeschworenen Rhythmen der Fans anzupassen, mich in das abwechselnd melodische Klatschen einer ganzen Armee von Eingeweihten und das chorale Schreien eines Schlüsselwortes wie "Defense" oder "Baskets" einzureihen, doch gelang es mir mit der Zeit immer besser. Meine schicke Telekom-Mütze brachte mir außerdem ein paar Bonuspunkte bei Fans und gleichte so manches rhythmische Defizit aus. Dann kam eine Auszeit. Dazu macht ein Mann auf dem Feld ein komisches Symbol mit beiden Händen (wahrscheinlich würde er am liebsten "Auszeit" rufen, aber das hätte bei dem Lärm ohnehin niemand verstanden) und alle Spieler gehen an den Rand zu ihren Trainern. Die sagen denen dann wohl so Sachen wie "Prima, Goran" oder "Hurl, du faule Sau, jetzt zeig den Flaschen Mal was 2,40 Meter so alles anrichten können" oder aber auch "Nicht schlecht Ilja, aber du spielst auf den falschen Korb". Im Grunde weiß ich nicht, was die sagen, aber so was in der Art wird's sein. Die eigentliche Sensation in der Auszeit sind aber die Cheerleader. Holla die Waldfee, sag ich euch! So ca. acht bis zwölf hervorragend aussehende Frauen (zumindest von Weitem) in ihrem besten Alter, die hinreichend leicht bekleidet sind, um ihre Vorteile voll auszuspielen, stürmen das jetzt leere Spielfeld um Choreografien zu präsentieren, die so nicht einmal Gott der Allmächtige hätte vorhersehen können, als er die Geschichte mit der Rippe abgezogen hat. Die Halle wird zu einem Pool der Lust, schwitzende Körper pressen sich aneinander, herrenlose Gliedmaßen winden sich wie Schlagen durch die Zuschauerränge, ein sinnliches Stöhnen verdrängt den frenetischen Jubel und halbtransparente Damenunterbekleidung schwebt wie ein Schwarm Kolibris in der Luft. Aber halt alles nur im Traum. Zumindest in meinem Traum. Schade eigentlich. (Sollte das hier übrigens eine von euch Cheerleaderinnen da draußen lesen: Ich find Cheerleading total supi und bin im Moment solo. Also einfach links auf den komischen Kopf klicken, wo "Mail" draufsteht...) Das Spiel nahm so seinen Lauf, und auch wenn die Bonner zwischendrin mal so geworfen haben, als sei ihnen gerade ihr Blindenhund laufen gegangen und Berlin weit in Führung ging, war das Spiel, so wie ich es verstanden habe, zur Pause wieder recht ausgeglichen. In der Halbzeit habe ich dann draußen einen Mitabiturienten getroffen, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Ich hab ihm schnell den Klöppel geschüttelt, der seine Hand ausfüllte, um damit während des Spiels Trommeln zu können, und wir wechselten ein paar Sätze wie: "Hallo!" - "Hallo Jan!" - "Und?" - "Och ja..." - "Und du?" - "Ja auch." - Das war's auch schon fast. Im zweiten Drittel war ich dann schon ziemlich firm darin, die Fangesänge zu imitieren, und so fiel ich kaum mehr in der Menge auf. Das mag auch daran liegen, dass ich jetzt nicht mehr hinter zwei Zehnjährigen an einem Geländer stand, sondern mir die Mühe gemacht hatte, mir den Platz zu suchen, dessen Lage auf meiner Eintrittskarte notiert war. So kam ich durch Zufall neben einer Frau zu sitzen, die leider mit ihrem Freund da war. Mist. So musste ich mich weiter an den Darbietungen während der Auszeiten ergötzen. Die Stimmung war im zweiten Drittel noch ausgelassener, während den actiongeladenen Spielphasen stand das gesamte Publikum praktisch die ganze Zeit. Wir Bonner würgten den Berlinern einen nach dem anderen rein und gingen sogar in Führung. Jubel. Applaus. Hemmungslose Begeisterung auf allen Rängen. Dann merkte auch ich bei einem Blick auf die Anzeigetafel, dass wir in Führung gegangen sind, stand auf und schrie begeistert "Jaaaa", und das zu einem Zeitpunkt, an dem die meisten sich wieder beruhigt hatten und sich über ein übles Faul eines (ich entschuldige mich für das Wortspiel) Alba-ners echauffierten. Das geht aber auch so nicht, da muss ich den Fans Recht geben. Unerhört! Jedenfalls ging das zweite Drittel zu Ende und Bonn führte. Die überschwänglichen Begeisterungsstürme, das Meer an sich wild bewegenden magentafarbenen Kommerzartikeln, die auf das Spielfeld stürmenden Menschen und nicht zuletzt die Siegerehrung ließen den Gedanken in mir aufkommen, dass es sich nicht um Drittel, sondern um Halbzeiten handelte und das Spiel hiermit beendet war. Und ich sollte Recht behalten. Bonn hatte gewonnen, das erste Mal seit 1999. Gratulation!
Hinten Scheißt die Ente - Kurzfilmnacht im KinoWenn man mit Freunden ins Kino geht, dann wählt man häufig einen Film aus, den jeder sieht. Weil das die Besten sind. Weil man dann mitreden kann. Weil da halt jeder reingeht. Normalerweise folge auch ich dieser Regel; so war auch ich in Herr der Ringe, und auch ich fand ihn wahnsinnig gut. Wie jeder. Von den wenigen Ausnahmen, die einen Film schlecht zu finden meinen müssen, nur um der Mehrheit ihren Nonkonformismus auszudrücken, soll hier abgesehen werden. Doch bin ich jemand, der manchmal von dieser Regel abweicht. Das ist meine Art, den mir innewohnenden Nonkonformismus auszuleben. So bin ich mit einem Freund am 25. April in die "1. Hot Shorts Kurzfilmnacht" im Bad Godesberger Kinopolis gegangen, eine Art Best-of des 14. internationalen Festivals für Animations- und Kurzfilm in Dresden. Erwartungsgemäß ein pulsierendes Symposium der intellektuellen Elite im Bonner Raum, ein Sammelpunkt für alle ehemaligen Klassenstreber der Umgebung, die heute entweder Redakteure von seriösen Zeitungen sind oder die sich bedingt durch gesellschaftliche Verpflichtungen und Verflechtungen einen Vorteil vom Besuch dieser Filmnacht erhoffen, am Ende aber dadurch nur von der Affäre ihrer Frau mit ihrem Chef abgelenkt werden sollen. Wir kamen also am Kinosaal an, und erhielten am Eingang von einer freundlichen jungen Frau netterweise ein kleines Infoheft und das Programm des Abends in die Hand gedrückt. Danke Frau (Name vergessen)! Jetzt aber ab in den Kinosaal. Dass wir diesmal pünktlich waren, konnte man an der gähnenden Leere erkennen, die uns penetrant entgegenschlug, an der sich schließlich auch wenig ändern sollte. Doch Wetten, ob noch mehr Leute das Kino betreten würden, gingen schließlich zu meinen Gunsten aus, denn es kamen tatsächlich weitere Kurzfilmbegeisterte und leisteten uns Gesellschaft. Doch nichts war von der intellektuellen, mindestens 50-jährigen, Brillen mit Bändchen tragenden, mit Notizzetteln ausgerüsteten intellektuellen Elite zu sehen, die ich erwartet hatte. Nein, fröhliche, gesellschaftsfähige Mittzwanziger betraten den Saal, die sich ähnlich locker auf den Abend freuten wie wir. Da! Eine Gruppe von drei oder vier jungen Frauen im gleichen Alter kam herein. Ihre angeregte Diskussion darüber, wo sie sich denn hinsetzen sollten, ließ mir und meinem Kumpel gleichzeitig das Wort "Pädagogikstudentinnen" über die Lippen gleiten (was aber nicht abwertend gemeint war, nur ein Bisschen). Sicher gab es auch zwei oder drei Elitäre im Kino, die sich sichtlich über meine jugendsprachlichen und pubertären Witze echauffierten, was das Erlebnis des Abends aber keineswegs schmälerte. Der Saal füllte sich (mehr oder weniger) mit mehreren halben Dutzend Menschen, bis schließlich das Dresdner Veranstalterteam hereinkam und sich in eine der vorderen Reihen setzte. Die junge Frau, von der wir das Programm bekommen haben, stand auf und fing an, zu uns zu sprechen. Sie war offenbar die Programmdirektorin (oder so ähnlich) des Festivals in Dresden und erklärte dem ahnungslosen Publikum kurz dessen Zusammenhänge. Applaus. Der Vorhang ging auf und die zweieinhalbstündige Filmnacht begann mit dem französischen Film "L'homme Torche" - Der Taschenlampenmann. Ein 75jähriger Comicliebhaber wacht morgens auf und beschließt, dass er heute der Taschenlampenmann ist. Nachdem er seine Enkelin mit irgendwelchen Energiestrahlen brutal hingerichtet hat bittet ihn seine Frau, sich jetzt in Spiderman zu verwandeln. Als er das tut, klatscht ihn seine Frau an die Wand und der Zuschauer wird Zeuge, wie eine matschige Riesenspinne an der Wand herunterschleimt. Ende. Der Film ist als gute Symbiose aus Comic und Realfilm anzuerkennen, leidet aber unter der schlechte Pointe, die - abgesehen von der anwesenden intellektuellen Elite - niemand zum Lachen angeregt hat. Zweiter Film: "Der moderne Zyklop". Die deutsche Produktion beginnt mit einer faszinierenden Choreographie aus dem modernen Theater, die von mehreren Zyklopen aus Knetgummi dargeboten wird. Später frisst der Regisseur des Stücks einen zweiäugigen Mann, dessen Frau sich daraufhin von den im Alkoholrausch entstandenen Gedichten des Theatermanns angezogen fühlt und im seinem Auftrag das Schiff zerstört, auf dem sich der Rest der Reisegruppe auf die Abreise vorbereitet. Beeindruckende Dialoge wie "Ich hab Ihren Mann gegessen" - "Ja, ich weiß" machen den 11minütigen Animationsfilm zu einem beeindruckend witzigen Plädoyer für Toleranz und Feindesliebe. Glaube ich. "Room Service": Die Aufwändigkeit der Nachbearbeitung dieses Films wird nur durch seine Langweiligkeit übertroffen. Zum Glück war der Spuk nach fünf Minuten bereits vorbei, und diese völlig uninteressante Verwandlungsgeschichte zwischen einem weiblichen Hotelgast und einem Zimmermädchen konnte wieder vergessen werden. "Howrah Howrah": Die einzige Dokumentation des Abends war mit stolzen 26 Minuten und der Auszeichnung "Bester Kurzfilm" im nationalen Wettbewerb ein echter Hoffnungsträger. In sehr gut gefilmten Bildern wurde das Leben am Hauptbahnhof in Kalkutta festgehalten und damit einige Momente der Marke "Holla die Waldfee", "Verflixt und zugenäht" oder "Ui". Doch war die Schilderung der Armut genauso kommentarlos wie langatmig und einige Einstellungen zogen sich sehr in die Länge, was zwar der Intensität des Filmerlebnisses dienlich war, weniger aber der Kurzweiligkeit des Abends. Glücklicherweise wurden wir, die Zuschauer, in den nächsten zwei Filmen voll entschädigt. Der dreiminütige Zeichentrickfilm "Sofa" war eine witzige und hintergründige Geschichte von zwei Hälften einer Couch, einem Mann, einer Frau und einer Katze. Die Idee hinter dem Film und die sympathische Realisierung hob die durch Indiens Armut doch recht gedämpfte Stimmung wieder massiv an und bereitete die Anwesenden so auf den nächsten Film vor. Auf "Hinten scheißt die Ente" habe ich mich auf Grund des Titels am meisten gefreut, was sich als nicht völlig unberechtigt herausstellte. Der Film erzählt die Geschichte einer Bauernfamilie, die trotz der gähnenden Langeweile (sehr gut dargestellt), in der sie lebt, dadurch beunruhigt ist, dass sie in zwei Tagen umziehen muss, weil ein Großunternehmer alle Grundstücke in der Umgebung aufgekauft hat. Als ebendieser Großunternehmer zu Besuch kommt, und eine tote Ente von dem Hof der Familie nehmen will, weil er sie erschossen hat, wird er von Hausherr dazu überredet, sich ganz gewaltig in die Eier treten zu lassen. Toll gespielt, toll gefilmt, großartiger Film. Hat mir gefallen. Echt. Der anschließende Film "Faces" war dann der obligatorische Kunstfilm, den ich schon erwartet hatte. Verschiedene, in unterschiedlichen Zeichentechniken wie Bleistift oder Ölfarbe gefertigte, abstrakte Bilder gehen unentwegt ineinander über und stellen laut Programmheft dar, "was nachts in einem Museum antiker Skulpturen geschieht." Aha. Dann kam die Pause, in deren Anschluss die freundliche Programmdirektoren noch ein paar Worte an uns richtete, bis sie von einem verdienten Applaus auf ihren Platz begleitet wurde. "Gregors größte Erfindung": Dieser Film wurde uns als sympathische, deutsche Oskarnominierung angepriesen, in der der junge Erfinder Gregor (welch Überraschung) seine gehbehinderte Oma an zwei Ballons aufhängt, damit ihr das Gehen wieder leichter fällt. Und auch wenn es für mich als ehemaligen Zivi recht lustig ist, mit anzusehen, wie sich die Bremse am Rollstuhl der Oma löst und diese dann ungebremst in einen See rollt, während Gregor in der Gegend herumpinkelt, war der Film doch etwas langweilig, was aber nicht den guten Schauspielern, sondern eher der faden Story zuzuschreiben ist. Eine weitere - diesmal computeranimierte - Oskarnominierung bildete dann den Höhepunkt des Abends: "Fifty Percent Grey" erzählt in drei Minuten die bedrückende Geschichte eines Soldaten, der in den Himmel kommt. Dieser Himmel besteht aus einer riesigen, grauen Ebene, in alle Richtungen ohne Ende, auf der nur ein einziger Fernseher mit Videorekorder steht, der den Gestorbenen im Himmel begrüßt. Ohne das Ende verraten zu wollen, kann ich sagen, dass es nicht unbedingt ein Happy End für den armen Mann gibt. Ziemlich blöde Sache das. Der Film ist so schön animiert und geschrieben, dass ich ihn mir gleich am nächsten Tag runtergeladen hab. Ähh... durfte ich das jetzt sagen? Egal, geiler Film!
Der nächste Film, "Freunde", hat aus dem Leben zweier Freunde erzählt (schätzungsweise 16 Jahre alt), was nach dem Titel nicht weiter verwunderlich ist. Im Laufe des Films stellte sich dann aber heraus, dass die Freunde ein kleines Bisschen homosexuell sind. Darf man eigentlich "schwul" sagen, ohne gleich homophob zu wirken? Jedenfalls waren die beiden aber so was von schwul! Das passt auf keine Kuhhaut mehr! Mensch Meier waren die schwul! Ach ja, und am Ende hat der eine auf seine Freundin uriniert. Hab noch nicht verstanden warum, aber ist ja auch egal. Einen Glückwunsch von hier aus übrigens noch mal an die beiden Schauspieler: Wenn Ihr nicht wirklich homosexuell seid, dann habt ihr das verdammt gut gespielt. Fast schon zu gut... "Sosedi": Den Film hat nun wirklich keiner verstanden. Niemand. Auch nicht die Elitären im Saal. Nada. Laut Programmheft "die Geschichte der Bewohner eines Moskauer Gemeinschaftsapartments in den 30er Jahren." Geiger fliegen durch die Gegend, ein dicker Mann geht an der Decke entlang, eine Frau stellt eine Leiter ins Nichts. Komischer Film. "Fenster mit Aussicht": Wie "Sosedi" auch ein gezeichneter Film, der aber trotz surrealer Elemente und unerwarteter Wendungen deutlich zugänglicher war. Trotzdem war er so kompliziert und vielschichtig, dass ich mich an einer Zusammenfassung hier nicht versuchen will. Das einzig Wichtige ist: Er hat sie am Schluss gekriegt. Der letzte Film war "Schneckentraum", ein sehr gut gemachter, schwarzweißer, deutscher Realfilm, in dem die schüchterne Julia sich unsterblich in den Schönling Oliver verliebt, sich aber nicht traut, ihn anzusprechen. Von da an kauft sie täglich in seiner Buchhandlung ein Buch, bis sie sich schließlich fest vornimmt, Oliver anzusprechen. Leider ist der gute Mann an dem Tag tot. Zu allem Überfluss stellt sich heraus, dass er genau so in Julia verliebt war, wie sie in ihn, sich aber ebenfalls nicht getraut hat, sie anzusprechen. Scheiße! Obwohl der Film wenig Optimismus und Lebensbejahung ausstrahlt, hat er durch die sympathischen Schauspieler und die professionelle Machart einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Fazit: Spätestens mit "Fifty Percent Grey" hat sich das Eintrittsgeld schon voll gelohnt. Nächstes Jahr bin ich wieder mit von der Partie. Gefehlt hat mir nur ein Porno, der künstlerisch so stark eingebunden ist, dass er nicht als Porno, sondern als Kunstfilm zählt. Aber was soll's. Ich hab ja Internet.
WissenschafTSNacht 2002Was machen Streber, wenn sie gerade keine Witzenewsletter verschicken? Richtig! Sie gehen freiwillig zur Uni. Und so habe ich mich mit meinem Kumpel A. am 5. Juli 2002 (das war vorgestern) aufgemacht, um der diesjährigen Wissenschaftsnacht an der Bonner Uni die Ehre unserer Anwesenheit zu erweisen. Im und am Hauptgebäude der Uni waren eine Menge Stände aufgebaut mit wissenschaftlichen Sachen aus Biologie, Physik und all den Wissenschaftsbereichen, die von denjenigen studiert werden, die früher in der Schule immer als erstes aufgezeigt und dabei "Herr Lehrer, ich weiß es" gerufen haben. Ich habe jedenfalls keinen Stand von Volks- oder Betriebswirtschaftlern gesehen. Weil das aber alles nicht so interessant ist für eine heitere Seite wie diese, komme ich gleich zu dem mit Abstand berichtenswertesten Ereignis des Abends: Die Diskussion. Dramatische Pause. Die Diskussion fand zwischen fünf sehr intelligenten Menschen statt, die es sich alle nebeneinander auf der Bühne im Hörsaal I gemütlich gemacht hatten. Das Foto zeigt diese Menschen. Frau Sagurna in der Mitte war eigentlich die am wenigsten Intelligente, da sie nur als von Zetteln ablesende Moderatorin die Diskussion in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken versuchte, was ihr aber angesichts der ihr kognitiv scheinbar um Klassen überlegenen Gesprächsrunde nicht immer gelang. Aber die Frau schien trotzdem ganz nett zu sein, und so ganz doof war sie ja auch nicht. Der linke Mann auf dem Foto, Herr Treusch vom Forschungszentrum Jülich, der auch noch zahlreiche andere Ämter in der wissenschaftlichen Landschaft bekleidet und sogar seinen Einflussbereich bis in die Politik ausweiten konnte, hat immer sehr cool gelächelt. Er bekommt von mir eindeutig den Award für das ausgiebigste und strahlendste Lächeln of the Wissenschaftsnacht. Egal ob seine Diskussionspartner für oder wider seine Argumente gesprochen haben, ob sie ihn unterstützten oder auf's Schärfste kritisierten, ob sie lustig waren oder bierernst: Herr Treusch hat sie freundlich angelächelt. Wahrscheinlich zur Deeskalation. Dann war da Herr Wiestler, der zweite von rechts. Herr Wiestler sah so ähnlich aus wie Joschka Fischer nach 40 Tagen Nulldiät, hat aber deutlich weniger Sympathiepunkte in der Öffentlichkeit. Herr Wiestler ist nämlich Stammzellenforscher, und Stammzellenforscher sind die Leute, die - wenn man den Medienberichten glauben darf - hilflosen Müttern die Embryos aus dem Bauch schneiden, um dann unmenschliche Experimente daran durchzuführen. Da aber die meisten Anwesenden kultivierte Menschen waren, die teilweise sogar wussten, dass man nicht allen Medienberichten uneingeschränkt glauben darf, konnte der Mann ohne Polizeischutz die Bühne betreten. Das war wohl nicht immer so. Das Foto täuscht übrigens nicht: Herr Wiestler hat meistens so stoisch ins Nichts gestarrt, vielleicht hat er einfach in der letzten Nacht so richtig einen drauf gemacht, weiß man ja nicht. Dann war da noch Jürgen Kaube, der lustige Mann auf der rechten Seite, der an dem Abend mindestens einen neuen Fan gewonnen hat (mich). Im Grunde macht er das gleiche wie ich, nur wird er dafür bezahlt. Ganz neidlos will ich ihm das aber zugestehen, denn was der an dem Abend von sich gelassen hat, war erste Sahne. Kaube ist Wissenschaftsjournalist bei der FAZ und sieht mit den gelockten Haaren und der blonden Popelbremse (nicht wertend gemeint) genau so knuffig aus, wie er schreibt und spricht. Herr Treusch reagierte zum Beispiel auf Herr Kaubes wahrscheinlich nur wenig übertriebene Behauptung, man könne mit der Stromrechnung seines Jülicher Forschungszentrums alle Archäologen Deutschlands über Jahrtausende hinweg finanzieren mit - genau - einem breiten Lächeln. Außerdem hat Kaube gesagt, dass "NS-Forschung nützlich ist, zumindest unter Nützlichkeitsverdacht steht" und kaum jemand kann so pointiert, vorwurfsfrei und gleichzeitig trocken sagen, dass es Menschen gibt, die ihr Leben damit verbringen, Wasserflöhe zu zeichnen, dem Zuhörer trotzdem vermittelnd, dass hinter dem Witz ein ernster Hintergrund liegt. Herr Kaube, Sie sind jetzt in meiner Liste der coolen Leute. Schon vorher in meiner Liste der coolen Leute und bei dieser Diskussion wieder um einige Plätze gestiegen war der zweite Mann von links. Wer ihn noch nicht erkannt hat, ist selber Schuld. Das ist der Medienprofessor Eckard "Die Million" Freise, der erste Millionen-Gewinner bei "Wer wird Millionär". Er war wieder genau so lustig, wie damals bei Günther Jauch, und deswegen alle Daumen nach oben! Vielleicht sollte ich noch kurz das Thema der Diskussion erwähnen, aber das würde sowieso hier niemanden interessieren, deswegen lasse ich das. Wer sich doch dafür interessiert, sollte in nächster Zeit gehäuft Phoenix einschalten, die haben das nämlich alles aufgenommen. Ich bin der Typ vorne in der Mitte mit dem schwarzen T-Shirt, der am Schluss die Frage stellt. Nicht der Halbgare, der mit seiner Frage ernsthaft die Möglichkeit offen hält, Joachim Treusch könnte Richard P. Feynman nicht kennen und der auch sonst nur Dünnpfiff labert, sondern der, der aus Jürgen Kaube eine hinreißende Schilderung des Biologieunterrichts seines 13-jährigen Sohnes rauskitzelt. Anschließend haben mein Kumpel A. und ich noch ein wenig den nicht zu überhörenden, hauptsächlich den 80er Jahren entsprungenen Intonationen der Uni-Disko gelauscht und uns - soweit möglich - auch dazu bewegt, während wir unweigerlich die Feststellung anzuerkennen gezwungen waren, dass die Uni-Disko während der Wissenschaftsnacht kein El Dorado für männliche Partnersuchende zu sein scheint. Auf der Rückfahrt im Bus haben wir noch ein paar bekannte Gesichter getroffen: Meinen Mitabiturienten J., seine neue (?) Freundin (?) Namevergessen und den C., den ich so gut auch nun wieder nicht kenne. Ich erwähne das nur, damit ihr wisst, wer auf den Fotos ist. Dann hat sich jemand im Bus übergeben müssen und es fing an zu stinken. Zum Schluss sei auch noch für diejenigen erwähnt, die sich die ganze Zeit fragen, wieso die Buchstaben "TSN" im Titel groß geschrieben sind: Das hat keinen Sinn und sollte nur den Titel interessanter und die Leser neugierig machen. Bilder zu dem Artikel:
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
dasjan.de: Alle Rechte liegen beim Webmaster - hoffentlich!
Copyright 2002, Jan Schneider (das bin ich)
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||